vds-magazin: Heft 8 (Apr 2003)
Erfolg: Drohende Kürzung des Musikunterrichts an Gymnasien verhindert.
Fächerkonkurrenz im künstlerischen Wahlbereich dennoch verschärft.
In der letzten Ausgabe des vds-magazins haben wir über Pläne der Behörde zur Kürzung des Pflichtunterrichts im Gymnasium berichtet. Danach sollte die Wahlentscheidung im Bereich der ästhetischen Fächer von Klassenstufe 8 auf Klassenstufe 7 vorgezogen werden. Dies hätte eine Kürzung des Pflichtunterrichts um 25 % bedeutet.
Gegen diese Pläne haben wir nachdrücklich Protest erhoben und vielfache Unterstützung gefunden. Es ergingen Stellungnahmen der Hochschule, der Universität, des Landesmusikrates, der Föderation musikpädagogischer Verbände Deutschlands und anderer Institutionen sowie zahlloser Einzelpersonen, die ihre Besorgnis um den Bestand des Musikunterrichts zum Ausdruck brachten. Hervorzuheben ist auch besonders das vom Landesmusikrat initiierte "Hamburger Bündnis für Musikunterricht", das eine Unterschriftenaktion startete.
Diese konzertierte Aktion hat offensichtlich Nachdenklichkeit in der Behörde ausgelöst, und so wurde uns in einem Gespräch mit dem Staatsrat im September mitgeteilt, dass nach derzeitigem Planungsstand keine Verringerung der Pflichtstunden für die künstlerischen Fächer vorgesehen sei und entgegen früheren Überlegungen weiterhin zwei Pflichtstunden Musik in der Klassenstufe 8 beibehalten werden sollen. Der Staatsrat unterstrich die besondere Bedeutung eines ansprechenden und kontinuierlichen Musikunterrichts gerade in den Klassen 7 und 8 für die Wahlentscheidungen der Jahrgänge 9 und 10.
Konnte die drohende Kürzung des Musikunterrichts verhindert werden, so ließ sich die geplante Verschärfung der Fächerkonkurrenz im künstlerischen Wahlpflichtbereich nicht abwenden. So werden künftighin die Schülerinnen und Schüler am Ende von Klasse 8 nicht nur zwischen Musik und Kunst sondern neuerdings auch Darstellendem Spiel wählen. Damit gerät das Fach Musik in eine zugespitzte Konkurrenzsituation mit all den Folgen, die aus der Sekundarstufe II bekannt sind.
In dem Gespräch wurde darauf hingewiesen, dass Hamburg in der Entwicklung und Förderung des Darstellenden Spiels bewusst eine Führungsrolle anstrebe und dass die übrigen künstlerischen Fächer sich dieser Herausforderung didaktisch und methodisch zu stellen hätten.
Uve Urban
Musiklehrer müssen mehr arbeiten
Abwertung des Faches führt zu höherer Arbeitsbelastung
Die Auswirkungen des neuen Arbeitszeitmodells
Mit Unmut und Empörung reagieren Hamburger Lehrerinnen und Lehrer auf das neue Arbeitszeitmodell der Behörde. Sie werfen dem Senat vor, unter dem Vorwand, Arbeitszeit gerechter und auskömmlicher verteilen zu wollen, weitere Sparmaßnahmen im Bildungsbereich durchzusetzen. Wieder einmal trifft es den Musikunterricht: Als Folge einer Abwertung des Faches wird es zu höheren Arbeitsbelastungen und zu absehbaren Qualitätsverlusten kommen.
Man erinnert sich: Seit ihrem Amtsantritt hat die neue Regierung
- eine Absenkung der Lehrerstellen von 14.083 auf 13.700 vorgenommen,
- die Arbeitszeit für Hamburgs Beamte von 38,5 auf 40 Wochenstunden angehoben,
- die Stellenzuweisung an Schulen im August 2002 um durchschnittlich 6,1 % gekürzt (Gymnasium 3 %, Berufsschulen 5 %, Gesamtschulen 10,3 %).
- Mit dem neuen Arbeitszeitmodell, so errechnet die GEW, sollen nun weitere 3,2 % Einsparungen erwirtschaftet werden.
Abzusehen sind folgenreiche Umverteilungen und deutliche Erhöhungen der Arbeitszeit für Lehrer. Vorsorglich stellt die 2. Lehrerarbeitszeitkommission fest, "dass in der Regel (!) eine Obergrenze von 30 Stunden Unterricht in der Woche nicht überschritten werden" solle (derzeit liegt die Obergrenze bei 28 Stunden).
Senator Lange will trotz Warnung der Experten vor übereilten Beschlüssen das neue Modell zum 1.8. umsetzen. Was haben Lehrerinnen und Lehrer im Allgemeinen und Musiklehrerinnen und Musiklehrer im Besonderen zu erwarten? Es sind zum einen strukturelle zum anderen qualitative Veränderungen.
1. Strukturelle Veränderungen
Mit dem neuen Modell wird der Versuch unternommen, durch Neuorganisation der Lehrerarbeitszeit mehr Transparenz, mehr Zeitgerechtigkeit und mehr Flexibilität zu erreichen. Dem sollen im Wesentlichen drei Maßnahmen dienen:
1. Im Unterschied zum bisherigen Pflichtstundenmodell, das nur die reine Unterrichtszeit erfasste, werden alle mit der Tätigkeit in der Schule in Zusammenhang stehenden Aufgaben berücksichtigt und in drei Aufgabenbereichen zusammengefasst:
a) unterrichtsbezogene Aufgaben (ca. 75 %), dazu gehören der Unterricht, Vor- und Nachbereitung, Korrekturen, Elterngespräche, kollegiale Absprachen,
b) allgemeine Aufgaben (ca.10 %), dazu gehören allgemeine und Fachkonferenzen, schulische Veranstaltungen, Fortbildung, Aufsichten, Vertretungen,
c) funktionsbezogene Aufgaben (ca. 15 %), dazu gehören u.a. Tätigkeiten als Klassenlehrer, Tutor, Fachleiter, Verwalter einer Sammlung oder Bücherei, Teilnahme an Schulkonferenzen, Vertrauensauschuss-Sitzungen.
2. Im Unterschied zur bisherigen Annahme der prinzipiellen Gleichwertigkeit aller Fächer wird von einem unterschiedlichen Zeitaufwand pro Unterrichtsstunde je nach Fach, Schulart und Jahrgangsstufe ausgegangen. Ermittelt werden demnach
a) Unterrichtszeitwerte, das sind Zeiten für den Unterricht, für Vor- und Nachbereitung, für die Durchsicht von Hausheften, Korrekturen von Schülerarbeiten und Tests sowie Elterngespräche, Klassen- und Zeugniskonferenzen,
b) Unterrichtsfaktoren, das sind Zeitwerte für den fach-, schularten- und jahrgangsbezogenen Arbeitsaufwand.
3. Im Unterschied zur bisherigen Bemessung der Lehrerarbeitszeit nach Pflichtstunden und Wochenstunden-Deputaten erfolgt die Berechnung über Jahresarbeitszeitkonten, dabei wird die tariflich festgesetzte Arbeitszeit von 1770 Stunden auf 38 Unterrichtswochen verteilt, was zu einer rechnerischen Wochenarbeitszeit von 46,5 Zeitstunden führt.
2. Qualitative Veränderungen
Stützen sich die strukturellen Veränderungen auf Ergebnisse prominenter Untersuchungen, einschlägiger Gutachten und Erfahrungen aus anderen Ländern, so resultieren die qualitativen Veränderungen aus politischen Vorgaben. Gemäß dem Willen des Senats soll die Neuorganisation der Lehrerarbeitszeit sicher stellen, dass die Anzahl der zur Verfügung stehenden Lehrerstellen und die ihnen zugemessenen Arbeitszeiten ausreichen, alle schulischen Aufgaben professionell zu erledigen. Um diese Kostenneutralität zu gewährleisten, werden Arbeitszeitwerte gesetzt, die zwar rechnerisch das geforderte Gesamtarbeitszeitvolumen erbringen, jedoch nur in den seltensten Fällen den tatsächlichen Zeitbedarfen gerecht werden.
An dieser Stelle nun entzündet sich der Unmut der Lehrerinnen und Lehrer. Sie sehen, dass mit dem "Prinzip der Auskömmlichkeit" Einsparungen und Mehrarbeit erzwungen werden sollen. Sie sehen, dass dadurch ein weiterer Stellenabbau und Qualitätseinbußen des Unterrichts verbunden sind und Neueinstellungen junger Lehrer verhindert werden. Besonders erbost aber sind sie über die Willkür der Festlegung von Lehrerarbeitszeiten, die sie als Diffamierung ihrer pädagogische Arbeit empfinden:
- So wird davon ausgegangen, dass Musikunterricht grundsätzlich weniger arbeitsaufwendig ist als anderer. (In der Faktorisierungstabelle rangiert Musik vor Sport an vorletzter Stelle).
- So wird davon ausgegangen, dass Haupt- und Realschullehrerinnen und -lehrer grundsätzlich weniger arbeiten als ihre Kolleginnen und Kollegen an der Gesamtschule und am Gymnasium. (In der Faktorisierungstabelle wird der Musikunterricht in der Sekundarstufe dieser Schulformen abgestuft.)
- So wird davon ausgegangen, dass die Arbeitsbelastung von Musiklehrerinnen und Musiklehrern in den Klassenstufen 5-10 grundsätzlich konstant bleibt. (Für alle übrigen Fächer ist eine Progression in der Faktorisierung der Jahrgangsstufen vorgesehen.)
- So wird davon ausgegangen, dass Musiklehrerinnen und Musiklehrer in der Lage sind, die Vor- und Nachbereitung ihres Unterrichts sowie die Kontrolle von Hausheften in der Beobachtungsstufe in 12 Minuten zu erledigen (in Klasse 7-10 sowie in der Vorstufe und im Grundkurs in jeweils 18 Minuten).
- So wird davon ausgegangen, dass Musiklehrerinnen und Musiklehrern in der Lage sind, die Korrektur von Schülerarbeiten und Tests in der Beobachtungsstufe in 3 Minuten pro Arbeit (in Klasse 7-10 in 3,75, Vorstufenarbeiten in 5,8, Grundkurs- und Leistungskursklausuren in jeweils 7,3 bzw. 8,7 Minuten pro Arbeit) durchzuführen.
Solche Zeitbemessungen für pädagogisch verantwortungsvolle Tätigkeiten sind nicht nur realitätsfern, sie führen zwangsläufig zum Abbau von Unterrichtsqualität, zur Verhinderung innovativer Unterrichtsgestaltung, zu Resignation oder Selbstausbeutung engagierter Lehrerinnen und Lehrer. Sie lassen die Eigenart des Faches Musik unberücksichtigt und machen die Entwicklung einer ästhetischen Lernkultur unmöglich. Unabsehbar sind auch die Folgen für das Schulleben: Aufführungen und Konzerte, Präsentationen und Projekte beruhen bekanntlich auf dem zusätzlichen Engagement von Lehrerinnen und Lehrern: Ob diese unter den neuen Arbeitsbedingungen dazu weiterhin in der Lage und bereit sind, ist fraglich.
Uve Urban
Unterrichtszeitwerte für den Musikunterricht am Gymnasium
Klasse 5-6
Unterrichtszeit | Vor- und Nachbereitung, Durchsicht Haushefte | Korrektur von Schülerarbeiten und Tests | Elterngespräche, Klassenkonf., Zeugniskonf. |
2x wöchentlich | 2x wöchentlich | 4 Arbeiten | . |
0,8 Stunden | 0,2 Stunden (=12 Minuten) | 5 Stunden (=75 Min.pro Arbeit, d.h. bei einer Basisfrequenz von 25 Schülern pro Schülerarbeit 3 Minuten) | 10 Stunden |
x 38 Wochen | x 38 Wochen | . | . |
61 Zeitstunden | 15 Zeitstunden | 20 Zeitstunden | 10 Zeitstunden |
Klasse 7-10
Unterrichtszeit | Vor- und Nachbereitung, Durchsicht Haushefte | Korrektur von Schülerarbeiten und Tests | Elterngespräche, Klassenkonf., Zeugniskonf. |
2x wöchentlich | 2x wöchentlich | 4 Arbeiten | . |
0,8 Stunden | 0,3 Stunden(=18 Minuten) | 6 Stunden (=90 Min. pro Arbeit, d.h. bei einer Basisfrequenz von 24 Schülern pro Schülerarbeit 3,75 Minuten) | 10 Stunden |
x 38 Wochen | x 38 Wochen | . | . |
61 Zeitstunden | 23 Zeitstunden | 24 Zeitstunden | 10 Zeitstunden |
VORSTUFE (2stündig)
Unterrichtszeit | Vorbereitungs- zeit und Hausaufgaben- korrektur | Schülerberatung | Klausuren (Konzeption 1 Std., Korrektur 7 Std.) |
2x wöchentlich | 2x wöchentlich | 1x wöchentlich | 4 Klausuren |
0,8 Stunden | 0,3 Stunden(=18 Minuten) | 0,4 Stunden | 8 Stunden (=120 Min. pro Arbeit, d.h. bei einer Basisfrequenz von 20,5 Schülern 5,8 Minuten pro Arbeit) |
x 38 Wochen | x 38 Wochen | x 38 Wochen | . |
61 Zeitstunden | 23 Zeitstunden | 15 Zeitstunden | 32 Zeitstunden |
STUDIENSTUFE (3stündiger Grundkurs)
Unterrichtszeit | Vorbereitungs- zeit und Hausaufgaben- korrektur | Schülerberatung | Klausuren (Konzeption 1 Std., Korrektur 7 Std.) |
3x wöchentlich | 3x wöchentlich | 1x wöchentlich | 4 Klausuren |
0,8 Stunden | 0,3 Stunden(=18 Minuten) | 0,5 Stunden | 10 Stunden (=150 Min. pro Arbeit, d.h. bei einer Basisfrequenz von 20,5 Schülern 7,3 Minuten pro Arbeit) |
x 36 Wochen | x 36 Wochen | x 38 Wochen | . |
86 Zeitstunden | 32 Zeitstunden | 18 Zeitstunden | 40 Zeitstunden |
STUDIENSTUFE (5stündiger Leistungskurs)
Unterrichtszeit | Vorbereitungs- zeit und Hausaufgaben- korrektur | Schülerberatung | Klausuren (Konzeption 1 Std., Korrektur 7 Std.) |
5x wöchentlich | 5x wöchentlich | 2x wöchentlich | 4 Klausuren |
0,8 Stunden | 0,4 Stunden(=24 Minuten) | 0,6 Stunden | 12 Stunden (=180 Min. pro Arbeit, d.h. bei einer Basisfrequenz von 20,5 Schülern 8,7 Minuten pro Arbeit) |
x 36 Wochen | x 36 Wochen | x 36 Wochen | . |
144 Zeitstunden | 72 Zeitstunden | 43 Zeitstunden | 48 Zeitstunden |
Für Grund- und Leistungskurse werden außerdem Arbeitszeitwerte für die mündliche und schriftliche Abiturprüfung (Themenstellung, Korrektur, mdl. Prüfung) verrechnet.
Zusammenstellung: Uve Urban


