vds-magazin: Heft 7 (Nov 2002)
Drohende Kürzung des Musikunterrichts im Gymnasium
Die Hamburger Beiträge dieser Ausgabe des vds-magazins stehen ganz im Zeichen der jüngsten schulpolitischen Entwicklung in der Hansestadt. Hier drohen im Zusammenhang mit der von der neuen Regierung beschlossenen Verkürzung der gymnasialen Schulzeit Stundentafelkürzungen für den Musikunterricht. Wir haben darüber in der letzten Ausgabe berichtet (vgl. vds-magazin 6, Seite 61f).
Nach den Plänen der Behörde soll Musik künftig bereits am Ende von Klasse 7 aus dem Kanon der Pflichtfächer in den Wahlpflichtbereich verschoben und nicht nur, wie bisher, in Konkurrenz zu Bildender Kunst, sondern auch zu Darstellendem Spiel angeboten werden. Diese Maßnahme bedeutet eine Kürzung des Pflichtunterrichts in den ästhetischen Fächern um 25%. Damit rückt Hamburg in der Ausstattung der Stundentafeln im Bereich der künstlerischen Fächer im Bundesvergleich an die letzte Stelle (vgl. die nachstehende Übersicht).
ÜBERSICHT
ZU DEN STUNDENTAFELN FÜR DEN MUSIKUNTERRICHT AN GYMNASIEN
UND ZUM STAND DER SCHULENTWICKLUNG
IN DEN BUNDESLÄNDERN
Zusammenstellung: Uve Urban
Stand: 1.4.2002
| 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | |||
| BW | 3 | 2 | 2 | 1* | 1* | 1* | 10 | G9 |
| 3 | 2 | 2 | 1* | 1* | 1* | 10 | G8 ab 2004/5 Regelschule | |
| BY | 3 | 2 | 2 | 1* | 1* | WP 1* | 9 | G9, Wahlpflicht: Musik/Kunst |
| - | - | - | - | - | - | . | G8 generell nicht angestrebt | |
| BE | 2 | 2 | 2 | 2 | 1* | 1* | 10 | G9, sechsjährige Grundschule |
| - | - | - | - | - | - | . | G8 nicht flächendeckend angestrebt | |
| BB | 2 | 2 | 1* | 1* | 1* | 1* | 8 | G9, sechsjährige Grundschule |
| - | - | - | - | - | - | . | G8 angestrebt | |
| HB | 1* | 1* | 1* | 1* | 1* | 1* | 6 | G9, angegliederte Orientierungsstufe |
| - | - | - | - | - | - | . | G8 nicht flächendeckend angestrebt | |
| HH | 2 | 2 | 2 | 2 | WP 2 | WP 2 | 8 | G9, Wahlpflicht: Musik/Kunst |
| 2 | 2 | 2 | WP 2 | WP 2 | WP 2 | 6 | G8 ab 2002/03, WP: Musik/ Kunst/ Darstellendes Spiel | |
| HE | 2 | 2 | - | 2 | - | 2 | 8 | G9 |
| 2 | - | 2 | - | 2 | - | 6 | G8 möglich, aber nicht flächendeckend angestrebt | |
| MV | 1* | 2 | 1,5* | 1* | 1* | 1* | 7,5 | G9 |
| 1* | 2 | 2 | 1,5* | 1* | 1* | 8,5 | G8 angestrebt | |
| NI | 2 | 2 | 2 | 2 | 1* | 1* | 10 | G9, ab 2003 statt O.Stufe Förderstufe |
| - | - | - | - | - | - | . | G8 flächendeckend nicht in Sicht | |
| NW | 2 | 2 | 1 | 1* | 1* | 1* | 8 | G9 |
| - | - | - | - | - | - | . | G8 derzeit nicht angestrebt | |
| RP | 2 | 2 | 2 | 2 | 1* | 1* | 10 | G9 |
| - | - | - | - | - | - | . | G8 nicht angestrebt | |
| SL | - | - | - | - | - | - | . | . |
| 2 | 2 | 2 | - | 2 | WP 2 | 8 | G8 Regelschule | |
| SN | - | - | - | - | - | - | . | . |
| 2 | 1* | 1* | 1* | 2 | 1* | 8 | G8 Regelschule | |
| ST | 1* | 1* | 1* | 1* | 1* | 1* | 6 | G9, schulform- unabhängige Förderstufe |
| - | - | - | - | - | - | . | G8 derzeit nicht angestrebt | |
| SH | 2 | 2 | 2 | 2° | 2° | 2 | 8/ 10 | G9 |
| - | - | - | - | - | - | . | G8 derzeit nicht angestrebt | |
| TH | - | - | - | - | - | - | . | . |
| 2 | 2 | 2 | 2 | 1* | 1* | 10 | G8 Regelschule |
* kann auch als 2-stündiger Epochenunterricht im halbjährlichen Wechsel mit Kunst angeboten werden
° je nach Personalausstattung Angebot von Musik oder Kunst
WP Wahlpflichtunterricht
Stundenausstattung
Baden-Würtemberg 10
Berlin 10
Niedersachsen 10
Rheinland-Pfalz 10
Thüringen 10
Bayern 9
Schleswig-Holstein 8/10
Nordrhein-Westfalen 8
Brandenburg 8
(Hamburg bis 2002) 8
Hessen (bei G9) 8
Saarland 8
Sachsen 8
Mecklenburg-Vorpommern 7,5
Bremen 6
Hamburg (ab 2002/03) 6
Hessen (bei G8) 6
Sachsen-Anhalt 6
Schulentwicklung
G8 eingeführt
Saarland, Sachsen, Thüringen
G8 beschlossen
Baden-Würtemberg, Hamburg
G8 angestrebt
Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern
G8 nicht flächendeckend angestrebt
Bayern, Berlin, Bremen, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Sachen-Anhalt, Schleswig-Holstein
Gegen diese Pläne der Behörde hat sich inzwischen an vielen Stellen Widerstand formiert.
So hat nicht nur der Vorstand des VDS-Landesverbandes nachdrücklich protestiert, auch die Musikhochschule, der Fachbereich Erziehungswissenschaft der Universität, der Landesmusikrat, die Föderation musikpädagogischer Verbände Deutschlands u.a. haben zu den vorgesehenen Kürzungen Stellung genommen. Um dem Problem der Reduktion ästhetischer Bildung in den Schulen auch eine Wahrnehmung in der Öffentlichkeit und in den Medien zu verschaffen, wurde auf Initiative des Landesmusikrates ein „Hamburger Bündnis für Musikunterricht" gegründet und am 14.September ein Aufruf mit einem Forderungskatalog für musikalische Bildung und Ausbildung in Hamburg verabschiedet. Dieser Initiative haben sich namhafte Vertreter vieler kultureller Einrichtungen in Hamburg angeschlossen, inzwischen sind auch erste Reaktionen in den Medien erfolgt.
In einem Gespräch mit dem Staatsrat in der Behörde für Bildung und Sport, Herrn Dr. Behrens, werden wir noch einmal mit großem Nachdruck unsere Besorgnis über die augenblickliche schulpolitische Entwicklung in Hamburg zum Ausdruck bringen und unsere Forderung nach einer Bestandssicherung für den Musikunterricht an Hamburger Schulen wiederholen.
Wir bitten alle Kolleginnen und Kollegen in den Gymnasien, die Eltern der neu eingeschulten Fünftklässler, die als erste Schülergeneration von den neuen Stundentafel betroffen sein werden, auf die drohenden Kürzungen des Musikunterrichts hinzuweisen und sie zu Stellungnahmen in der Öffentlichkeit und Reaktionen gegenüber der Behörde aufzurufen. Es ist wichtig, sie über die Folgen eines einseitig kognitiven Bildungsverständnisses für ihre Kinder aufzuklären. Es kann nicht ihr Interesse sein, die Bildung ihrer Kinder nur unter dem Gesichtspunkt von Zweckmäßigkeit und Verwertbarkeit für den späteren Beruf zu sehen, vielmehr muss ihnen an einer umfassenden und ganzheitlichen Persönlichkeitsentwicklung gelegen sein. Im Zusammenhang mit der einseitig geführten PISA-Diskussion gilt es, den un-verzichtbaren Beitrag des Musikunterrichts als Ergänzung zur wissenschaftlichen Rationalität zu verdeutlichen und den Anspruch auf Persönlichkeitsbildung gegenüber vordergründigen Interessen der Abnehmer von Schule zu verteidigen.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, unterstützen Sie unser gemeinsames Anliegen durch gezielte Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit in ihren Schulen, aktivieren Sie Ihre Schul-leitungen und Kollegien, mobilisieren Sie Eltern und Freunde der Schule, treten Sie für den Erhalt des Musikunterrichts in der Öffentlichkeit ein!
Uve Urban
Brief an Senator Lange
VERBAND DEUTSCHER SCHULMUSIKER
LANDESVERBAND HAMBURG
UVE URBAN
(Vorsitzender)
Kulenwisch 14
22339 Hamburg
Tel. 040 / 538 4703
uve.urban@t-online.de
den 2.4.2002
An den Präses
der Behörde für Bildung und Sport
Herrn Senator Rudolf Lange
Hamburger Strasse
22083 Hamburg
Sehr geehrter Herr Senator,
mit Bestürzung haben wir erfahren, dass in Ihrer Behörde Pläne existieren, nach denen im Zusammenhang mit der Umstellung des Hamburger Schulwesens auf das achtstufige Gymnasium Kürzungen der Stundentafeln in den künstlerischen Fächern vorgesehen sind. Nach unseren Informationen sollen die Pflichtfächer Bildende Kunst und Musik statt wie bisher am Ende von Klasse 8 bereits am Ende von Klasse 7 in den Wahlpflichtbereich verschoben werden und in Konkurrenz zum Fach Darstellendes Spiel als weitere Wahlalternative treten.
Sollten diese Pläne realisiert werden, so würde dies eine Kürzung des bisherigen Pflichtunterrichts in den Künsten um 25% bedeuten. Hamburger Gymnasien lägen damit in der Ausstattung ihrer Stundentafeln für den Bereich obligatorischer ästhetischer Bildung im Bundesvergleich an letzter Stelle.
Wir sind besorgt über eine Entwicklung, die zu einer zunehmenden Vernachlässigung ästhetischer Bildung in der Schule führt und die je eigenen Sichtweisen von Welt, wie sie die Künste als unverzichtbare Ergänzung wissenschaftlicher Rationalität anbieten, an den Rand drängt.
Unverständlich erschiene uns eine Kürzung der künstlerischen Fächer besonders auch vor dem Hintergrund neuer didaktischer Entwicklungen und aktueller empirischer Untersuchungen beispielsweise zu den positiven Auswirkungen von Musikerziehung auf die Persönlichkeitsentwicklung und das Sozialverhalten von Schülerinnen und Schülern.
Vor allem aber schiene uns eine solche Maßnahme im Widerspruch zu stehen zu der im Koalitionsvertrag gemachten Forderung, das Abitur nach 12 Jahren solle „unter Wahrung des Standards" eingeführt werden. Wenn bei der Umverteilung des von der KMK zur Erlangung der Allgemeinen Hochschulreife vorgeschriebenen Gesamtstundenvolumens von mindestens 265 Wochenstunden für die Sekundarstufe I und die gymnasiale Oberstufe von 9 auf 8 Schuljahre 25% des Pflichtunterrichts in den künstlerischen Fächern ersatzlos gestrichen würden, könnte von Standardsicherung wohl kaum noch die Rede sein.
Sehr geehrter Herr Senator, wir sind über die uns vorliegenden Informationen über den Entwurf neuer Stundentafeln für das achtstufige Gymnasium in Hamburg äußerst beunruhigt und bitten Sie um Auskunft darüber, welchen Stellenwert und welche Stundenausstattung das Fach Musik bei der Umstellung auf die 12jährige Schulzeit nach Ihren Vorstellungen haben soll und haben wird.
Wir wären Ihnen für ein Gespräch in dieser Angelegenheit sehr dankbar.
Mit freundlichem Gruß
(Uve Urban)
Hamburger Bündnis für Musikunterricht
Aufruf vom 14.September 2002
"...darum versäume ich in diesem Zusammenhang nie,
warnend auf den in den letzten Jahrzehnten stetig darbenderen
Musikunterricht an unseren Schulen hinzuweisen.
Wenn wir einschlafen lassen, was da an Potential vorhanden ist,
dann sägen wir an dem Kreativitätsast, auf dem wir alle miteinander sitzen."
Alt-Bundespräsident Prof. Dr. Roman Herzog
1. Unsere Forderungen:
- Keine Kürzungen des Musikunterrichts im achtstufigen Gymnasium.
- Die von den Stundentafeln vorgesehenen Musikstunden werden erteilt.
- Schulmusikerinnen und Schulmusiker werden bevorzugt eingestellt, besonders in den Grundschulen.
- Alle Absolventinnen und Absolventen des Studienseminars mit dem Unterrichtsfach Musik werden eingestellt.
- Die musikalische Frühförderung (Eltern-Kind-Kurse, Frühinstrumentaler Unterricht, Musik in den Kindertagesstätten etc.) wird erheblich ausgeweitet.
- Musik wird ein Hauptfach in der ErzieherInnenausbildung.
- In den Kindertagesstätten, Vorschulklassen und Grundschulen wird grundsätzlich täglich gesungen, getanzt und auf Instrumenten gespielt.
- Die in den Schulen vorhandenen Musikfachkräfte erteilen so weit wie möglich Musikunterricht.
- Notwendig sind Fort- und Weiterbildungen mit den Inhalten Musikpraxis, Popularmusik, Vielfalt der Kulturen und Musikvermittlung.
- Den Schulen werden ausreichende Personalmittel für die wichtigen Neigungskurse zur Verfügung gestellt.
- Lehrkräfte anderer Fächer, die bereit sind, auch Musikunterricht zu erteilen, sind durch spezielle Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen zu unterstützen. Dies gilt - wegen des Klassenlehrerprinzips - ganz besonders für die Grundschule.
- Seiteneinsteiger in den Musiklehrerberuf (Diplommusikerzieher, Kirchenmusiker etc.) erhalten eine angemessene pädagogische Weiterbildung.
- Um mehr junge Menschen zu motivieren, Schulmusik zu studieren, werden Rahmenbedingungen für entsprechende Projekte geschaffen.
- Studierenden der Grundschulpädagogik, die den Lernbereich Musik wählen, wird neben der pädagogischen auch eine musikpraktische Ausbildung angeboten.
- Alle Bemühungen an der Hochschule für Musik und Theater, die Studierenden besser auf die Anforderungen der Schulwirklichkeit vorzubereiten und sie zugleich in die Lage zu versetzen, ihre zukünftigen Schülerinnen und Schüler ausreichend zu fordern und zu fördern, werden unterstützt.
- Die Privatmusikerzieher und privaten Musikschulen sollen hinsichtlich der Zahlung der Umsatzsteuer den kommunalen Einrichtungen gleichgestellt werden.
- Ein zentrales Merkmal der Ganztagsschulen sollen Kooperationen mit außerschulischen kulturellen Lernorten sein.
- Der Staatsoper, den staatlich geförderten Orchestern (Philharmonie, Hamburger Symphoniker etc.), dem Theater für Kinder, den NDR-Klangkörpern (Chor, Sinfonieorchester, Big-Band), der Fabrik, der Markthalle, den Szeneclubs werden zusätzliche Personal- und Sachmittel für die Nachwuchsarbeit, für Kooperationen mit den Schulen und für mehr Schülerkartenkontingente zur Verfügung gestellt.
- Der Etat "Sonstige Musikpflege" der Kulturbehörde, mit dem auch die außerschulischen Musikbegegnungen der Kinder und Jugendlichen in Chören, Orchestern und Bands, in Musikvereinen, Kinderkonzerten und die Begegnungen mit Komponisten gefördert werden, wird mit Blick auf andere Metropolen entsprechend erhöht.
Wir fordern mehr Musikunterricht in den Schulen, fordern mehr musikalische Bildung und Ausbildung in und außerhalb der Schule.
Wir bieten dem Senat unsere fachliche Beratung bei der Realisierung der genannten Forderungen an, werden alle Entwicklungen in dieser Richtung im Rahmen unserer Zuständigkeiten und Möglichkeiten engagiert unterstützen und durch eigene Maßnahmen zusätzlich erweitern.
2. Zur aktuellen Situation des Musikunterrichts in Hamburg.
Die Situation des Musikunterrichts in den Hamburger Schulen macht uns große Sorgen. Durch die aktuelle Hamburger Schul- und Bildungspolitik und durch die aktuelle Bildungsdiskussion droht der Musikunterricht zu einer verzichtbaren Nebensache zu werden.
Die Situation im einzelnen:
Die Hamburger Bildungsbehörde plant im Zusammenhang der Schulzeitverkürzung an Gymnasien die Abschaffung des Pflichtunterrichts in Musik (und Kunst) auf der Klassenstufe 8. Dies wäre eine Kürzung des obligatorischen Musikunterrichts an Gymnasien um 25 %. Hamburger Gymnasien lägen dann - was die Stundentafeln für den Bereich obligatorischer ästhetischer Bildung vorsehen - im Bundesvergleich an l e t z t e r Stelle.
Nach Schätzungen des Verbands deutscher Schulmusiker, VDS, erhalten bereits jetzt 80 % der Schülerinnen und Schüler an den Hamburger Gymnasien ab der Klassenstufe 9 keinen Musikunterricht mehr. Diesem geringen Musikangebot entspricht, dass auf den Oberstufen der Gymnasien dann nur noch ca. 12% der Schüler Musik wählen.
Nur insgesamt 237 Oberstufenschüler belegten im Schuljahr 2000/2001 an den Hamburger staatlichen Schulen den Leistungskurs Musik.
Die Zahl der schriftlichen Abiturprüfungen in Musik (3.Fach) nahmen rapide ab. 1999 beteiligten sich noch 49 Schüler an der schriftlichen Prüfung, 2001 waren es nur noch 24.
Musik als mündliches Abiturprüfungsfach im Grundkurs belegten 1999 noch 72 Schüler, 2000 waren es 43, 2001 nur noch 31.
Durch veränderte Stundentafeln und Belegverpflichtungen wählen immer weniger Schüler Musik.
In den Haupt-, Real- und Gesamtschulen ist Musik bereits ab Klasse 7 kein Pflichtfach mehr und kann abgewählt werden.
In den Hamburger Grundschulen wird Musik aufgrund des Fachlehrermangels zum weitaus überwiegenden Teil fachfremd unterrichtet oder fällt ganz aus. Schätzungen zufolge fehlen hier 80% der benötigten Musiklehrer und Musiklehrerinnen.
Der verlängerte tägliche Aufenthalt in den Gymnasien, der sich aus der Schulzeitverkürzung ergeben wird und der in der Regel wohl ohne Mittagspause und ohne Mahlzeit stattfinden soll, wird bewirken, dass noch weniger Schüler als bisher zu den Musikneigungskursen (Schulchor, Orchester, Bands etc.) am Nachmittag in die Schule zurückkehren.
Wir sehen auch den außerschulischen Musikunterricht (Musikschule, Privatmusikerzieher) beeinträchtigt, wenn die Schüler demnächst noch später aus der Vormittagsschule kommen. Es wird sicher weniger Schüler als bisher geben, die nach dem nun längeren Schultag noch bereit sind, zum nachmittäglichen Instrumental-, Gesangs – oder Tanzunterricht zu gehen.
3. PISA und die Bildungsdiskussion.
Die Veröffentlichung der PISA-Studie hat die bildungspolitische Diskussion in Deutschland neu entfacht. Aber die als alarmierend empfundenen Ergebnisse der Studie haben bisher leider nicht zu einer grundlegenden Bildungsdebatte sondern zu einer Verengung geführt, in der nur noch über "Hauptfächer", vor allem über Deutsch, Mathematik und Englisch gesprochen wird.
Diese Reduktion von Bildung ist falsch. Wir brauchen eine Bildung, die den jungen Menschen Anregungen gibt, sowohl ihre kognitiven, als auch ihre sozialen, emotionalen und ästhetischen Kompetenzen zu entfalten. Bildung muss den ganzen Menschen mit all seinen unterstützenswerten Kräften im Blick haben. Zu dieser Bildung gehören auch die ästhetischen Fächer, gehört auch unverzichtbar der Musikunterricht.
Wir mahnen außerdem eine Bildungsdiskussion an, die Bildung auf das ganze Leben des Menschen bezieht; eine Bildungsdiskussion, die Bildung nicht alleine unter dem Gesichtspunkt ihrer Zweckmäßigkeit und Verwertbarkeit für den Arbeitsmarkt beurteilt, sondern Bildung als Lebensform begreift; eine Bildungsdiskussion, die sich nicht nur auf Schule, Hochschule und Berufsausbildung konzentriert, sondern die die notwendige Vielfalt der Bildungsorte und die Vielgestaltigkeit von Bildungsprozessen anerkennt.
Bei PISA geht es nur um die Schule. Aber auch Familie, Kindergarten, Musikschule, Privatmusikerzieher und andere außerschulische Lernorte vermitteln Bildung. Das Zusammenwirken all dieser Lernorte ist für eine umfassende ganzheitliche Bildung von Kindern und Jugendlichen unbedingt notwendig. Diese anderen, außerschulischen Lernorte müssen erheblich stärker gesehen und gefördert werden als bisher.
Wir begrüßen die Entwicklung zur Ganztagsschule. Ganztagsschulen sind für uns allerdings nur denkbar, wenn Kooperationen mit außerschulischen kulturellen Lernorten ein prägender Bestandteil sind. Diese Kooperationen von Schule und außerschulischen Lernorten sind eine große Chance für beide Seiten und unterstützen die ganzheitliche Persönlichkeitsentwicklung der Kinder und Jugendlichen.
Forschungsergebnisse belegen, dass die menschlichen Fähigkeiten von den Lernerfahrungen abhängen, die der Mensch im Kleinkind- bzw. Säuglingsalter macht. Deshalb sind alle Ansätze einer musikalischen Frühförderung im Kleinst- und Kleinkindalter von besonderer Bedeutung.
Aber unter den Unterzeichnern besteht Einverständnis: Der Musikunterricht der allgemein bildenden Schulen ist der erste Lernort in Musik. Nur hier erreichen wir alle Kinder und Jugendlichen. Deshalb gilt diesem Musikunterricht unsere erste Aufmerksamkeit.
4. Die Bedeutung des Musikunterrichts.
Die je eigenen Sichtweisen von Welt, wie sie die Künste anbieten, sind eine unverzichtbare Ergänzung zur wissenschaftlicher Rationalität. Eine Schule, in der ästhetische Erziehung und Bildung nur am Rande stattfinden, ist pädagogisch unvertretbar. Wir sind besorgt, dass die ästhetische Bildung in der Schule zunehmend vernachlässigt wird, bedauern zutiefst den Rückgang des Musikunterrichts in den Schulen.
Völlig unverständlich ist die Verringerung des Musikunterrichts auch vor dem Hintergrund aktueller empirischer Untersuchungen zu den positiven Auswirkungen von Musikerziehung auf die Persönlichkeitsentwicklung und das Sozialverhalten. Die viel beachtete Langzeitstudie von H.G. Bastian an Berliner Grundschulen hat erst kürzlich nachgewiesen, dass musikalische Bildung die soziale Kompetenz, die Entwicklung von Sensibilität und Empathie, die Intelligenz, die allgemeinen schulischen Leistungen und die Konzentrationsfähigkeit der Kinder und Jugendlichen fördert.
Sie hat sogar nachgewiesen, dass ein verstärkter Musikunterricht die allgemeine Lernmotivation und Lernleistung steigert.
Musikunterricht hat einen persönlichkeitsbildenden "Mehrwert".
Der Erhalt unserer Musikkultur ist keine Privatangelegenheit. Musikunterricht ist wie alle Bildung vor allem eine öffentliche Aufgabe. Musikalische Bildung darf nicht allein dem Markt und seinen Gesetzen überlassen werden, Musikmachen darf nicht zum Privileg der wirtschaftlich Bessergestellten werden. Das heißt auch, dass der öffentlich verantwortete Musikunterricht durch unterschiedlichste private Angebote ergänzt, erweitert und intensiviert wird.
(Es folgt die Liste der Unterzeichner.)
Hamburger SCHULEN MUSIZIEREN 2002
Mit über 50 Konzerten in allen Stadtteilen, mehr als 160 teilnehmenden Gruppen und tausenden mitwirkenden Schülerinnen und Schülern aus allen Schulstufen und Schularten war die vom 30.5.-3.7.02 in Zusammenarbeit mit der Behörde für Bildung und Sport ausgerichtete Veranstaltung Hamburger SCHULEN MUSIZIEREN 2002 die größte ihrer Art, die es je in der Stadt gegeben hat. Sie konnte auf beeindruckende Weise die Musizierfreude von Kindern und Jugendlichen, die Lebendigkeit und Vielfalt des schulischen Musiklebens und die Leistungsfähigkeit schulischer Musikerziehung widerspiegeln.
Namhafte Ensembles mit ambitioniertem Anspruch standen neben Ensembles, die ihre ersten Auftrittserfahrungen vor großem Publikum sammelten. Klassisch ausgeprägte Orchester und Chöre fanden ebenso Berücksichtigung wie Samba-Gruppen, Gospelchöre, Pop- und Rockbands, Musical-Produktionen, Klassenorchester, Instrumentalgruppen und Grundschulchöre.
Die Schulkonzerte und die Begegnungskonzerte bilden die Grundsäulen von Hamburger SCHULEN MUSIZIEREN. Mit der Meldung eines Schulkonzertes kann sich jede Schule individuell präsentieren. Dieses Jahr wurden insgesamt 40 Schulkonzerte organisiert. Von den Konzertbesuchen sind die vielen kreativen und engagierten Kolleginnen und Kollegen in Erinnerung geblieben, die ihre Schülerinnen und Schüler zu begeisternden Leistungen geführt haben. Leider können hier nicht alle erwähnt werden. Stellvertretend seien jedoch die beiden auf höchstem Niveau interpretierten Fassungen der Kinderoper „Brundibár" von Hans Krása genannt (Christianeum, Gymnasium Lohbrügge) und das liebevoll und schwungvoll ausgerichtete „Schloß-Konzert" im Bergedorfer Schloß (Luisen-Gymnasium). Einige weitere Titel der Schulkonzerte mögen einen Überblick über den weitgefächerten Rahmen dieser Konzerte wiedergeben: „Frühjahrskonzert", „Freiraum für kulturelle Experimente", „Jazzabend", "Sommerkonzert", „Kiss me kate", „Big Band Summit - school meets radio", „Talentschuppen", „Sommerkonzert" „Konzert im Kinderkunstmuseum" ... .
Die Begegnungskonzerte bilden die zweite Säule von „Hamburger SCHULEN MUSIZIEREN". In 12 Konzerten trafen sich unterschiedliche Ensembleformen aus den jeweiligen Stadtteilen (Bergedorfer-, Harburger- und Volksdorfer Schulen musizieren), ordneten sich Begegnungen nach Ensembleformen (Orchesterbegegnung, Kinderchorbegegnung, Klassenmusizieren etc.) oder die Gruppen erarbeiteten zu einem Oberbegriff ein Konzertprogramm, wie z.B. "rhythm and melody" in der Kleinen Musikhalle. Die Resonanz bei allen Beteiligten und dem zahlreich erschienenen Publikum war auch in diesem Jahr so positiv, dass das Konzept der Begegnungskonzerte fortgeführt wird. Als besonders gelungen müssen die Konzerte angesehen werden, bei denen es zu einer wirklichen Begegnung der Gruppen durch einander Zuhören und miteinander Musizieren gekommen ist.
Wiederum stellvertretend für alle sei das in jeder Hinsicht vorbildliche Begegnungskonzert in der Rudolf-Steiner-Schule Farmsen genannt (Rudolf-Steiner-Schule Farmsen, Helene-Lange-Gymnasium, Gymnasium Buckhorn, Albert-Schweitzer-Schule). Besonderer Clou in der Konzeption: jeweils ein gemeinsam musiziertes Stück von zwei im Programm nacheinander auftretenden Gruppen. So konnte, dramaturgisch und organisatorisch geschickt inszeniert, die aufgebaute Spannung gehalten werden. Eine Auflistung der Titel der anderen Begnungskonzerte zeigt die Vielfältigkeit Hamburger Schulmusik: "Nacht der heißen Hörner I+II", "Orchesterbegegnung", "Ein Haus voller Kinderchöre", "Schulkreismusizieren", "Gemeinsames Sommerkonzert", "rhythm and melody", "Klassenmusizieren", "Bigband-Treffen", "Volksdorfer Schulen musizieren", "Harburger Schulen musizieren", "Bergedorfer Schulen musizieren".
Allen Kolleginnen und Kollegen sei an dieser Stelle noch einmal für die Organisation und Durchführung sowie die ideenreiche Ausgestaltung aller Konzerte herzlich gedankt! Als Anerkennung der Leistungen wurde allen teilnehmenden Gruppen eine u.a. vom Landesschulrat Peter Daschner unterzeichnete Urkunde überreicht.
Die nächste Reihe "Hamburger SCHULEN MUSIZIEREN" wird im Jahr 2004 stattfinden. Die schriftlichen Einladungen gehen im Januar 2004 den Schulen zu. Alle Konzerte erscheinen auf Plakaten und Faltblättern und werden nach Möglichkeit in den Medien angekündigt.
Weitere Mitwirkende sowie Ideen, z.B. für die Gestaltung von Begegnungskonzerten, sind jederzeit willkommen!
Johannes Rasch
Jan Kramer †

Mit Jan Kramer ist ein Hamburger Musik-Kollege von uns gegangen, der sich durch seine Kreativität und sein kompositorisches Engagement einen Namen in Hamburger Schulmusik-Kreisen gemacht hat.
So schrieb er z.B. etliche Lieder und auch Liederzyklen für den Schulgebrauch, die er bei Fortbildungsveranstaltungen seinen Schulmusik-Kollegen praxisnah vorstellte und gerne an sie weitergab.
Jan Kramer verstarb zu unserem großen Bedauern sehr plötzlich und unerwartet am 18. Mai diesen Jahres. Schüler und Kollegen vermissen ihn sehr.
Gudrun Schnepel


