Heft 23 (11/2010)
Udo Petersen: Orchideen und Trockenblumen
Zur Situation des Fachs Musik in Hamburg
Hamburg sieht sich gerne als Kulturmetropole. Neben den traditionsreichen Häusern Staatsoper, Laeiszhalle, den Musical-Theatern und den Live-Clubs leistet sich die Stadt mit dem Bau der Elbphilharmonie in Zeiten knapper Kassen und teurer Pleitebanken ein neues kulturelles Wahrzeichen mit einem kräftigem Sog, bisher allerdings eher finanzieller Art. Ein weiteres Aushängeschild ist das Projekt „Jedem Kind ein Instrument“, das an anderer Stelle in diesem Heft beschrieben wird.
Im Bildungsbereich ist Hamburg nach dem Volksentscheid verkatert. Viel Kraft ist in die Vorbereitung des gemeinsamen längeren Lernens geflossen, das von der Mehrheit der Abstimmungsteilnehmer nicht gewünscht wurde. Trotzdem werden andere Aspekte des Gesamtpakets Schulreform umgesetzt. Vieles davon – kleinere Klassen, kompetenzorientierte Rahmenpläne, Fortbildungsoffensive zum individualisierten Lernen - ist uneingeschränkt zu begrüßen.
Schwieriger ist es an einer anderen Stelle. Die Schulbehörde möchte gerne die Selbstverantwortung der Schulen stärken. Ein Instrument ist die Einstellung der Lehrer, die zunehmend von den Schulen selbst betrieben werden kann. Ein anderes Instrument sind so genannte Kontingentstundentafeln. In diesen werden die Stunden ausgewiesen, die ein Fach mindestens unterrichtet werden soll. Daneben gibt es einen Pool von Stunden, in dem die Schulen selbst gewählte Schwerpunkte festlegen sollen. Die Unterrichtszeit wird nicht mehr pro Jahrgang festgelegt, sondern für Klassenstufen. Das bedeutet, dass die Schulen selbst festlegen können, ob ein Fach regelmäßig, epochal oder auf einzelne Stufen beschränkt unterrichtet werden soll.
Soweit erscheint es in der Theorie als ein schönes Konzept. Leider nur in der Theorie, denn in der Praxis sehen die Mindeststunden für das Fach Musik sehr mager aus. Der vorliegende Entwurf der Kontingentstundentafeln sieht für die Grundschule einen mindestens einstündigen Musikunterricht vor. Dieses ist eine deutliche Kürzung, denn bisher gab es in allen Stufen der Grundschule einen zweistündigen Musikunterricht sowie einem Wahlbereich von 2 Wochenstunden.
Da es für die Stufen 1-4 einen Gestaltungsraum von 12 Stunden gibt, hätten die Schulen die Möglichkeit, die 2. Musikstunde aus diesem Rahmen zu nehmen. Da aber eine Reihe von Fächern, die derartige Kürzungen erfahren haben (z.B. Bildende Kunst), glaubhaft versichern, die im Rahmenplan festgelegten Kompetenzen ließen sich nicht im Rahmen der Mindeststunden erwerben, sieht sich das Fach Musik einer unsäglichen Konkurrenzsituation ausgesetzt. Da auch Leseförderung und Wahlprojekte aus diesem Gestaltungsraum bedient werden müssen, ist ein zweistündiger Musikunterricht im Rahmen der Kontingentstundentafel kaum zu erwarten.
Verschlimmert wird die Situation dadurch, dass gleichzeitig mit der Kontingentierung neue Fächer eingeführt werden sollen. Auf Druck der Kirchen soll das Fach Religion bereits ab Klasse 1 unterrichtet werden. Ebenfalls ab Klasse 1 findet jetzt Englischunterricht statt. Ganz neu ist das Fach Darstellendes Spiel/Theater hinzugekommen. Da die Stundenzahl der Schülerinnen und Schüler nicht beliebig erweiterbar ist, muss eine Entscheidung getroffen werden, zu Lasten welcher Fächer diese Veränderungen gehen sollen. Diese Entscheidung wird nun an die Schulen delegiert. Interessante Ausnahme: Sport wird von Klasse 1 bis Klasse 13 mit mindestens 3 Wochenstunden unterrichtet. Die offizielle Begründung: Gesundheitsförderung (mein Kommentar: das Fach Musik leistet seinen Beitrag zur Gesundheitsförderung in besonderem Maße und steht dem Fach Sport darin in nichts nach). Die inoffizielle Begründung: Der Druck ist unheimlich hoch (mein Kommentar: dann müssen wir den Druck wohl erhöhen).
Der Hamburger Senat verabschiedet sich mit dieser Stundentafel aus der Allgemeinbildung und setzt auf eine Schwerpunktsetzung bereits im Grundschulalter. Der Slogan „Eine kluge Stadt braucht alle Talente“ bleibt hohl, denn der Rahmen, in dem sich die Talente entwickeln könnten, wird so eng geschnitten, dass die Talente brav weiterschlummern werden, jedenfalls dort, wo die bildungsbürgerlichen Eltern nicht mit eigenem Vorbild und Finanzkraft aushelfen. Gerade dieser Zusammenhang sollte aber eigentlich mit der Schulreform aufgelöst werden. Hier stehen die Maßnahmen wieder einmal dem eigenen Anspruch der Regierung entgegen.
Wie geht es weiter nach Klasse 4? Eigentlich war auch in den Klassen 5 und 6 eine Mindeststundenzahl von einer Unterrichtsstunde pro Jahrgang vorgesehen. Durch Intervention der Verbände AfS, VDS und des Landesmusikrats konnte durchgesetzt werden, dass Musik hier zweistündig vorgesehen ist. Ab Klasse 7 ist Musik als zweistündiges Wahlfach in der Gruppe der ästhetischen Fächer vorgesehen. Hier wäre auch eine flexible Gestaltung im Sinne eines Epochenunterrichts oder eines Projektunterrichts denkbar.
Mit der Profiloberstufe hat sich die Anzahl der Schülerinnen und Schüler, die das Fach Musik auf erhöhtem Niveau belegen, noch einmal deutlich verringert. Es war bereits vorher, wie in den anderen Bundesländern auch, ein Nischenfach. In dieser Nische blühen jetzt nur noch vereinzelt Orchideen, und dass daraus keine Trockenblumen werden, dazu bedarf es engagierter Kolleginnen und Kollegen, die mit Unterstützung der Schulgemeinschaft ein Musikprofil durchsetzen und gestalten können – denn ein Musikprofil bedeutet auch immer, dass ein anderes Profil nicht zustande kommt. Es ist zu befürchten, dass mit der oben beschriebenen Entwicklung die Zahl der Schülerinnen und Schüler, die das Fach Musik in der Mittelstufe anwählen, auf Grund der geringen Vorkenntnisse sinkt und daher die Musikprofile in der Oberstufe noch seltener werden. Das wäre fatal.
Was kann man tun? Die Verbände AfS und VDS sind sehr aktiv gewesen und werden diese politischen Entwicklungen auch weiter in Zusammenarbeit mit dem Landesmusikrat aktiv begleiten. Wir haben den Kontakt zu den Fachverbänden der Bildenden Kunst und des Faches Theater gesucht, um Strategien zu entwickeln, die die ästhetischen Fächer insgesamt stärken und nicht gegeneinander gehen.
Gerade in Vorbereitung ist eine an der Berliner Unterschriftenaktion angelehnte Aktion, mit der das Augenmerk der Öffentlichkeit auf die drohenden Kürzungen gelenkt werden soll. Wir versprechen uns davon, den Druck im obigen Sinn zu erhöhen und so noch Veränderungen herbeiführen zu können.
Wirklich ändern lässt sich die Wahrnehmung des Fachs Musik nur langfristig. Hierfür Konzepte zu entwickeln sollte Thema der Bundesvorstände und des Deutschen Musikrats sein. Aber auch jeder einzelne kann in seinem Umfeld dazu beitragen, dass das Fach Musik in seiner wirklichen Bedeutung gesehen wird. Wenn Musikunterricht zum Wahlkampfthema würde, hätten wir viel erreicht. Bisher haben die Politiker den Eindruck, es geht auch mit weniger Musik.
Theodor Huß: Jedem Kind ein Instrument
Das Projekt der BSB Hamburg
Seit zwei Jahren arbeitet in Hamburg das Projekt „Jedem Kind ein Instrument“ (JeKi) der Behörde für Schule und Berufsbildung und geht gerade in die heiße Phase.
JeKi Hamburg findet an 61 Hamburger Grundschulen statt. Im Schuljahr 2010/11 tritt der erste Jahrgang, der vor zwei Jahren mit der „Grundmusikalisierung“ begonnen hat, in die dritte Klasse ein. Die Kinder haben im Vorjahr anhand eines gemischten Instrumentensatzes im Wert von 10.000 Euro pro Schule die wichtigsten Instrumente unter Anleitung von Fachleuten kennen gelernt. Sie haben gewählt, welches Instrument sie lernen wollen. Diese Instrumente wurden für 900.000 Euro beschafft und nun beginnt der Unterricht in 500 Gruppen mit durchschnittlich 7 Kindern.
JeKi Hamburg will besonders Familien erreichen, in denen das Instrumentalspiel noch nicht zu Hause ist. Deshalb werden die Kosten für die Leih-Instrumente und den Unterricht komplett von der Stadt getragen. Von 2009 bis 2012 sind das 7,4 Millionen Euro. Dies gibt die Chance, das Wort „jedem“ wörtlich zu nehmen! Alle Kinder einer Schule sind von Klasse 1 – 4 dabei. Damit kann JeKi integraler Bestandteil des Musikunterrichts sein. Ein Viertel aller Grundschulen wurde ausgewählt, Stadtteile mit soziokulturellem Entwicklungsbedarf wurden besonders berücksichtigt. Das Konzept ermöglicht auch die Beteiligung von Kindern mit geistigen, körperlichen und Lern- oder Entwicklungsbehinderungen. Der damit verbundenen besonderen Herausforderungen sind wir uns bewusst.
Der Start in den Instrumentalunterricht der Klasse 3 ist für uns die schwierigste Aufgabe seit Beginn des Projekts: Die Anwerbung und vertragliche Anbindung von inzwischen 150 Instrumentallehrkräften ist für alle Beteiligten ein Kraftakt, auch die Beschaffung von 3.500 Instrumenten in den richtigen Stückzahlen und passenden Größen gleicht einem komplexen Puzzle. Die inhaltliche Konzeptionierung des Gruppen-Instrumental-Unterrichts betritt Neuland, auch wenn man von anderen JeKi-Projekten lernen kann. Die neue Art des Instrumentalunterrichts erfordert von jeder einzelnen Lehrkraft eine didaktische und methodische Neuorientierung. Als Fortbildungs- und Steuerungsinstrument werden die Hamburger JeKi-Tage genutzt. Die musikalischen und instrumentalen Ziele des JeKi-Unterrichts wurden allen Beteiligten zur Diskussion und Erprobung schriftlich in die Hand gegeben.
Zur Steuerung in einem modernen Schulwesen gehört, dass nur die wirklich nötigen Festlegungen zentral vorgegeben werden und die Schulen inhaltlich und organisatorisch einen großen Gestaltungs- und Entscheidungsspielraum erhalten. Das erhöht die Anforderungen an die Lehrerinnen und Lehrer, die vor Ort das Projekt organisieren. Der Projektleitung ist sehr genau bewusst, was die Kolleginnen – meist sind es Frauen – hierbei leisten.
Deshalb erhält jede Schule zusätzlich zum normalen Personalbudget ein kleines Zeitpaket, das an die schulischen Organisatorinnen weitergegeben wird, ohne dass es das Schulbudget belastet. Kurz vor Ende des vergangenen Schuljahres war eine zeitlang ungewiss, ob dieses Zeitpaket auch für das jetzt begonnene Schuljahr wieder zugewiesen werden kann. Es werden jedoch keinerlei Gelder gestrichen und auch das Zeitpaket für die Organisatorinnen wird wieder zugewiesen. Über die Frage, ob es groß genug ist, kann man gewiss streiten. Fakt ist aber auch, dass sehr viele Schulleitungen ihren JeKi-Organisatorinnen die Zeitgutschrift aus Schulmitteln merklich erhöhen.
Mit großer Freude sehen wir nun den Erfahrungen im Unterricht der dritten Klassen entgegen und hoffen auf kritisch-konstruktive Begleitung durch die interessierte Fachöffentlichkeit.
Theodor Huß ist Projektleiter JeKi Hamburg - www.li-hamburg.de/jeki.
Hans Jünger: www.vds-musik-hamburg.de
Der VDS Hamburg hat ein neuen Internetauftritt
Seit Anfang September hat die Homepage des Landesverbands ein neues Gesicht. Aber nicht die Vorliebe des Vorstands für graublaue Farbtöne war Anlass für die Überarbeitung der Website, sondern eine Initiative des VDS-Bundesverbands, der die Landesverbände zur Beteiligung an einem gemeinsamen Template-System einlud[1].
Bei einem Template handelt es sich um eine Art Schablone, die beliebig mit Inhalt gefüllt werden kann, - um fertig gestaltete, aber leere Internetseiten, in die der Webmaster Texte, Bilder oder andere Medien einspeist. Das hat im Wesentlichen zwei Konsequenzen.
Zum einen wird das Layout der Internetauftritte des Bundesverbands und der beteiligten Landesverbände auf diese Weise vereinheitlicht (bislang sind Bayern, Berlin, Hamburg, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt online). Das mögen die einen als Verlust an ästhetischer Vielfalt, die anderen als Stärkung der Corporate Identity werten.
Zum anderen aber ermöglicht es ein solches professionell konstruiertes Content Management System, mit wenigen Handgriffen und von jedem Internetzugang aus Informationen ins Netz zu stellen (oder zu löschen). Während die Pflege der bisherigen in html programmierten Frames recht umständlich war (was der Aktualität der Hamburger VDS-Seiten deutliche Grenzen setzte), werden wir in Zukunft sehr prompt über schulmusikalisch interessante Vorgänge berichten oder auf Hamburger Termine aufmerksam machen können.
Vor allem bei letzteren sind wir auf Mitarbeit unserer Mitglieder angewiesen. Termine, von denen wir nicht wissen, können wir nicht verbreiten. Wer also an seiner Schule eine Musical-Aufführung vorbereitet hat, von einem schülergeeigneten Konzert erfährt oder sonst etwas mitzuteilen hat, was für die Hamburger Musiklehrerschaft von Interesse sein könnte, ist herzlich eingeladen, uns das mitzuteilen. Zu diesem Zweck gibt es ein Kontaktformular, das die unkomplizierte Kommunikation mit dem Landesvorstand ermöglicht.
Nichts ist umsonst - für die Beteiligung an dem Template, für die Bereitstellung des Speicherplatzes auf dem Thüringer Server und (vor allem) für die Übertragung der Inhalte der alten Homepage in das neue System mussten wir - trotz „Mengenrabatt“ - tief in die Vereinskasse greifen. Dabei stehen andere Projekte, die ebenfalls Geld kosten, schon in den Startlöchern, z.B. eine gemeinsam von AfS und VDS betriebene Informationsplattform www.schulmusik-hamburg.de.
Das hat übrigens zu der Überlegung geführt, dass es vielleicht sinnvoll ist, unseren Mitgliedsbeitrag (25 EUR jährlich) an den des AfS (40 EUR jährlich) anzugleichen. (Auch das wäre noch konkurrenzlos wenig - andere VDS-Landesverbände erheben z. T. das Drei- bis Vierfache. Allerdings ist es nicht Sache des Vorstands, eine Erhöhung zu beschließen, sondern die einer ordnungsgemäß einberufenen Mitgliederversammlung.)
Selbstverständlich ist unsere URL unverändert geblieben: www.vds-musik-hamburg. de. Auch unser E-mail-Verteiler VDS-Nachrichten wird in gewohnter Weise weiter betrieben (Anmeldung über die Homepage), ebenso der Hamburg-Teil im vds-magazin (das jedes VDS-Mitglied per Post erhält). All diese Aktivitäten sollen dem Ziel dienen, das Schulfach Musik an Hamburger Schulen zu stärken. Bildungspolitik durch Öffentlichkeitsarbeit - möge es nützen.
[1] Für Fachleute: Es handelt sich um eine TYPO3-Website, die von der Firma Die Netzmacher in Erfurt erstellt worden ist.
Markus Christophersen: Von Hamburg nach Bremen
Die Bundesbegegnung Schulen musizieren 2011 wirft ihre Schatten voraus. Der Hamburger Beitrag zu dem schulmusikalischen Großevent, das im nächsten Sommer in unserer Nachbarhansestadt Bremen stattfinden wird, heißt JazzyBon. Was oder wer das ist, verrät nun der Leiter dieses Ensembles.
Hinter dem Kürzel „JazzyBon“ verbirgt sich der Oberstufenchor mit Jazzband des Gymnasiums Bondenwald im Hamburger Nord-Westen.
Wenngleich die Chorarbeit auch in der Oberstufe am Bondenwald eine lange Tradition hat, ist sie erst seit 2005 fast ausschließlich auf den Jazz- und Gospelbereich ausgerichtet. Gelegentliche Madrigale, Weihnachtsklassiker oder Popsongs bilden eher die Ausnahme.
Zu Anfang eines jeden Schuljahres steht die musikalische Arbeit wie bei vielen anderen Schulchören auch vor dem Problem, den Abgang der Abiturienten kompensieren und Neuzugänge nach den Kurswahlen möglichst schnell ins Repertoire, vor allem aber auch in die Art und Weise des Jazzchorgesangs einarbeiten zu müssen. So bleibt jedes Jahr immer wieder eine spannende Herausforderung für alle Beteiligten. In diesem Jahr singen erstmals auch einige Ehemalige weiterhin im Chor mit, um die Lücke, die der Abitur-Doppeljahrgang in Hamburg hinterlassen hat, aufzufüllen und so größere Kontinuität zu schaffen.
Zu den Höhepunkten der vergangenen fünf Jahre zählen u.a. eine Konzertreise in die Provence anlässlich der 50-jährigen Städtepartnerschaft Hamburgs mit Marseille, Begegnungskonzerte im Rahmen von „Schulen musizieren“ sowie die erfolgreiche Teilnahme an den Wettbewerben „Jugend jazzt“ im November 2008 mit anschließendem Preisträgerkonzert im Rolf-Liebermann-Studio des NDR und „Choralle“, dem Landeschorwettbewerb der Landesmusikräte Hamburg und Schleswig-Holstein im November 2009.


