vds-magazin: Heft 21 (Nov 2009)

In Hamburg sagt man Tschüss ...

Die Bedenken waren groß gewesen - dass 800 musizierende Schülerinnen und Schüler in einer 1,8-Millionen-Stadt schlichtweg nicht wahrgenommen würden, dass vier Tage Konzertbetrieb in einer Kulturmetropole nicht zu finanzieren sein würden, dass die von Lehrerarbeitszeitmodell und Schulreformen gebeutelte Hamburger Musiklehrerschaft nicht für die Organisation eines musikpädagogischen Großereignisses zu gewinnen sein würde.

Doch als am Sonntag nach dem Abschlusskonzert der letzte Ensemble-Bus abgefahren war, konnten die Organisatoren erleichtert aufatmen: Es hatte alles geklappt! Die Teilnehmer hatten den Weg von ihren Unterkünften zu den Aufführungsorten gefunden, die Schulbehörde hatte im letzten Moment die noch fehlenden Geldmittel herbeigezaubert, und das Engagement und die Hilfsbereitschaft aller Beteiligten - der aus den Bundesländern angereisten Lehrkräfte ebenso wie der Kolleginnen und Kollegen und der Gastgeberfamilien vor Ort - war überwältigend. Man kann es nicht anders sagen: Die 15. Bundesbegegnung Schulen musizieren war ein Riesenerfolg.

Dabei lag der Schwerpunkt diesmal nicht so sehr auf dem Begegnungscharakter der Veranstaltung (wie 2005 in Neuruppin und Rheinsberg, wo die Straßen fest in der Hand musikbegeisterter Jugendlicher waren) und auch nicht auf der Öffentlichkeitswirkung (wie 2007 in Zwickau, wo die Konzerte Stadtgespräch waren). Der Charme der Bundesbegegnung 2009 lag eher darin, dass es gelang, das Schlagwort Hamburg - Ohr zur Welt zum Leben zu erwecken.

Zum einen setzte sich der Welthafen Hamburg wirkungsvoll in Szene - mit der Open-Air-Bühne an den St. Pauli-Landungsbrücken, mit dem Tagungsbüro auf dem Museumsschiff Rickmer Rickmers, mit dem Kompositionswettbewerb im Kaischuppen 50A, mit der Hafenrundfahrt auf der Mississippi Queen und mit den Auftritten auf einem über die Binnenalster kreuzenden Alsterdampfer.

Zum anderen hatte die Bundesbegegnung tatsächlich ein offenes Ohr für die Musik der Welt. Das zeigte sich schon in der Abfolge der Auftrittsorte. Die abendlichen Begegnungskonzerte fanden in St. Petri (einem Zentrum Hamburger Kirchenmusik), in der Fabrik Altona (einer international bekannten Jazz- und Rock-Location), in der Laeiszhalle (dem Konzertsaal der großen Hamburger Sinfonieorchester) und im Deutschen Schauspielhaus (dem größten deutschen Sprechtheater) statt. Tagsüber wurde die Hamburger Innenstadt von der Mönckebergstraße bis zu Jungfernstieg und Gänsemarkt bespielt, es gab Auftritte in Einkaufszentren, Seniorenheimen, Kirchen, in Santa Fu (der Justizvollzugsanstalt Fuhlsbüttel) und natürlich in den vielen Gastgeberschulen.

Kulturelle Vielfalt zeigte sich aber vor allem in dem, was auf den Bühnen geboten wurde. Ein Kammerchor coverte die Wise Guys, ein Sinfonieorchester spielte Filmmusik, eine Percussiongruppe trommelte asiatische Rhythmen, eine Neue-Musik-AG riss Zeitungen in Stücke, ein Tanzstudio zeigte Folkloretänze, man hörte Chor- und Blasorchestermusik aus dem Partnerland Lettland - und natürlich kam auch lokale Kultur zur Geltung: In der Fabrik lernten die Teilnehmer, wie man sich in Norddeutschland begrüßt ("Moin, moin"), in der Laeiszhalle machte eine Grundschulgruppe mit Hamburger Liedgut bekannt, und im Schauspielhaus sangen zum Abschied alle gemeinsam das Heidi-Kabel-Evergreen "In Hamburg sagt man Tschüss".

Dass ein so abwechslungsreiches Programm ein begeistertes Publikum fand, kann nicht verwundern, und man kann getrost davon ausgehen, dass diese positive Resonanz dem musikalischen Engagement der Schülerinnen und Schüler gehörigen Aufwind geben wird. Die Stimmung auf und vor der Bühne war jedenfalls bestens und ließ sich auch durch den einen oder anderen Regenschauer oder eine etwas deplatzierte Inventio-Preisverleihung nicht trüben. Die Bundesbegegnung 2009 hinterlässt bei allen Beteiligten das gute Gefühl, gemeinsam etwas Großartiges geleistet und etwas Wunderbares erlebt zu haben.

Zu danken haben wir allen, die zu diesem Erfolg beigetragen haben: den Organisatoren im Bundesvorstand (vor allem Georg Kindt), in der Bundesgeschäftsstelle (vor allem Dorothee Pflugfelder) und im Landesvorstand (vor allem Cornelia Lüttgau und Johannes Rasch), den Teilnehmern aus den Bundesländern und aus Lettland (den Jugendlichen ebenso wie den Ensembleleitern und Begleitpersonen), den Gastgebern in Hamburg (den Familien, die Unterkünfte bereit gestellt haben, wie den Lehrkräften, die Gruppen oder Konzerte betreut haben), den Geldgebern (vor allem der Hamburger Schulbehörde) und all den anderen, die mit Rat und Tat die Bundesbegegnung 2009 unterstützt haben.

Und nun: auf nach Bremen zur Bundesbegegnung 2011!

von Hans Jünger

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Bilder von der Bundesbegegnung 2009

Open-Air-Bühne an den Landungsbrücken: Die Big Band des Gymnasiums Grootmoor (aus Hamburg, wie man am St. Pauli-Pullover erkennt) spielt mit Blick auf die Rickmer Rickmers. (Foto: Markus Köhler)
Hauptkirche St. Petri: Orff-Gruppe und Kammerorchester aus Schwerin eröffnen die Bundesbegegnung. (Foto: Markus Köhler)
Fabrik Altona: Die Big Band des Lessing-Gymnasiums Norderstedt auf der Bühne, auf der auch schon Miles Davis gespielt hat. (Foto: Markus Köhler)
Hafenmuseum: Die Neue-Musik-AG aus Grünstadt (Rheinland-Pfalz) auf der Brücke des Stückgutfrachters Saatsee. (Foto: Markus Köhler)
Laeiszhalle: Der lettische Mädchenchor Spigo gibt die einzige Zugabe der Bundesbegegnung. (Foto: Markus Köhler)
Schulsenatorin Christa Goetsch überreicht Urkunden. (Foto: Markus Köhler)
Landesvorsitzender Hans Jünger bedankt sich. (Foto: Markus Köhler)
Schauspielhaus: Chor und Big Band der Julius-Leber-Schule Hamburg führen vor, wie man sich in Hamburg Tschüss sagt. (Foto: Markus Köhler)

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Dokumentation

Vor und während des Abschlusskonzertes der Bundesbegegnung Schulen musizieren am 7. 6. 2009 wurden mehrere Reden gehalten. Wir dokumentieren die Ansprachen der beiden Hamburger Redner.

 

Ansprache der Zweiten Bürgermeisterin und Schulsenatorin der Freien und Hansestadt Hamburg Christa Goetsch während des Abschlusskonzerts im Deutschen Schauspielhaus

Sehr geehrter Herr Prof. Nimczik,
sehr geehrter Herr Prof. Krüger,
liebe Schülerinnen und Schüler,
meine Damen und Herren,

nun ist sie fast zu Ende, die 15. Bundesbegegnung „Schulen musizieren" in der Freien und Hansestadt Hamburg. 700 Schülerinnen und Schüler aus allen Bundesländern und aus Lettland haben vier Tage lang aus dem „Tor zur Welt" ein „Ohr zu Welt" gemacht.

Was war da nicht alles zu hören und zu sehen: Tanzgruppen und Bigbands, Trommelrhythmen aus Afrika und Lateinamerika, Chöre vom geistlichen Lied bis zum Hamburger Tüddelband. Insgesamt 70 Stunden Konzertauftritte hat es in den vergangenen Tagen gegeben, sei es in den traditionsreichen Hamburger Veranstaltungssälen wie hier, der Laeiszhalle oder der Fabrik, sei es an so unterschiedlichen Orten wie dem Hafenmuseum, auf den Alsterschiffen und in der Untersuchungshaftanstalt, sei es in Altersheimen, Schulen und Kirchen. Viele Ensembles haben in den vergangenen 60 Stunden 5 Auftritte absolviert und an zahlreichen weiteren Auftritten als Zuhörer teilgenommen.

Ich danke ganz herzlich allen Schülerinnen und Schülern, die uns besucht haben, für die musikalischen Geschenke, die sie mitgebracht haben. Ich danke allen Lehrerinnen und Lehrern, allen Betreuerinnen und Betreuern für das Engagement und für das fachliche Können, das sie in diese Bundesbegegnung hineingesteckt haben. Wie viele Stunden mag da geprobt und geübt worden sein? Man kann es nicht ausrechnen, aber man kann sicher sein, dass dabei ein Lernen stattgefunden hat, das ebenso seine prägende Wichtigkeit hat, wie das Lernen von Mathematik, Fremdsprachen und vielem anderen.

Ich hoffe, möglichst alle Gäste hatten in dem dicht gedrängten Programm die Gelegenheit, unser kleines Hamburger Gegengeschenk in Empfang zu nehmen: die Fahrt mit dem Schiff durch den Hamburger Hafen, vorbei an den Kaianlagen und den großen Pötten mit ihren Containern. Veranstaltungen wie diese Bundesbegegnung sind ein hohes Gut, das für die Kinder und Jugendlichen auch in der Erinnerung an ihre Schulzeit einen großen Raum einnimmt. Deswegen wollten wir mit dem Hamburger Hafen auch ein Kernstück unserer Stadt zeigen.

Sicher haben Sie dabei auch die sensationellste Baustelle Hamburgs von der Wasserseite aus gesehen: die Elbphilharmonie mit den gigantischen Kränen und den blauen Verschalungen an der Oberkante. Jeder weiß, dass Hamburg hier sehr viel Geld investiert. In zwei Jahren wird das Gebäude auf eine Höhe von mehr als hundert Metern angewachsen sein. Wir tun das, weil wir für die Musikstadt Hamburg neue, großartige Chancen eröffnen wollen. Wir belassen es aber nicht beim Bauen in Beton und Glas. Hamburg investiert auch in die langfristige musikalische Bildung der Kinder. Mit dem Projekt „Jedem Kind ein Instrument" starten in knapp drei Monaten 3250 Zweitklässler-Kinder in ein Kennenlernen von Musikinstrumenten; dafür werden zur Zeit gerade Gitarren, Geigen, Klarinetten und viele andere Instrumente im Wert von ca. 600.000 Euro gekauft. In der dritten und vierten Klasse lernen die Kinder dann Instrumente Ihrer Wahl. Den Unterricht erhalten sie kostenlos im Rahmen des Musikunterrichts, die Instrumente leihen wir den Kindern kostenlos aus. Im Leitbild unseres Regierungshandelns nennen wir das „Wachsen mit Weitsicht".

Meine Damen und Herren, in zwei Stunden befinden sich alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Bundesbegegnung „Schulen musizieren" auf der Heimreise. Was bleibt, ist nicht nur die Erinnerung an die Konzerte und Auftritte, es bleiben auch neue Bekanntschaften unter den Musiklehrkräften, unter den Schülerinnen und Schülern und zwischen Schulen. Sicher wird es aus den gastgebenden Schulen den einen oder anderen Gegenbesuch geben. Sicher sind zahlreiche Erfahrungen ausgetauscht worden. Die Auftritte der anderen Gruppen zu erleben, bringt ja immer auch eine Menge Anregungen für die eigene Arbeit.

Dies alles ermöglicht zu haben ist ein Verdienst des Verbands deutscher Schulmusiker, dem ich zu diesem Erfolg gratulieren und dem ich für sein Engagement ganz herzlich danken möchte.

 

Ansprache des Vorsitzenden des VDS-Landesverbands Hamburg Hans Jünger während des Senatsempfangs vor dem Abschlusskonzert im Deutschen Schauspielhaus

Sehr geehrte Frau Zweite Bürgermeisterin,
meine Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen,

auch ich bedanke mich - und zwar im Namen des Landesverbands Hamburg des VDS für die große ideelle und materielle Unterstützung, die wir bei Planung und Durchführung dieser Bundesbegegnung durch die Freie und Hansestadt Hamburg, insbesondere durch die Behörde für Schule und Berufsbildung erfahren haben. Diese Bundesbegegnung ist für mich ein schönes Beispiel dafür, wie die Kooperation von Bürger und Staat, von ehrenamtlichem Engagement und staatlichem Handeln, von Verband und Behörde gelingen kann.

Und von Gelingen kann man ja jetzt schon wirklich sprechen. Am Donnerstagabend beim Eröffnungsempfang habe ich noch gesagt: Ich bin zuversichtlich, dass die Bundesbegegnung ein Erfolg wird. Jetzt - unmittelbar vor dem Abschlusskonzert - kann ich sagen: Sie ist ein Erfolg geworden. Und ich freue ich mich besonders darüber, dass unser Konzept "Hamburg - Ohr zur Welt" aufgegangen ist.

Dieses Motto konnte und sollte man ja auf zweierlei Weise verstehen: Es sagt zum einen etwas über unsere Stadt: Hamburg ist nicht nur das Tor zur Welt (das wussten wir schon), sondern auch das Ohr zur Welt. Hier gibt es die Staatsoper - die Fabrik Altona, die Finkwarder Speeldeel - die Hip Hop Academy - Udo Lindenberg - Latif Durlanik usw. Das Motto sollte aber auch unsere Veranstaltung prägen: Die Bundesbegegnung Hamburg sollte die Ohren für die Musik der Welt öffnen. Und ich finde ganz wunderbar, wie das funktioniert hat. Wenn Sie nochmal einen Blick ins Programmheft werfen: Kammerchor, Sambagruppe, Neue-Musik-AG, Big Band, Sinfonieorchester, Tanzstudio usw. usw.

Diese Bundesbegegnung beweist wieder einmal: Musikunterricht heute ist längst nicht mehr beschränkt auf deutsche Volkslieder und klassische Sinfonien, sondern Musikunterricht heute ist das interkulturelle Fach par excellence, das Fach, in dem Kinder und Jugendliche lernen, Vielfalt zu genießen und das unglaublich breite kulturelle Angebot, das unsere Gesellschaft bietet, aktiv anzunehmen. Dieser Aspekt scheint mir noch viel wichtiger zu sein als der Beitrag zur Intelligenzentwicklung und Konzentrationsfähigkeit, der so oft zitiert wird. Musikunterricht lehrt Vielfalt zu genießen.

Liebe Frau Goetsch, Ihnen muss ich das gar nicht erzählen, Sie haben ja erklärtermaßen ein Herz für Musik und Musikunterricht. Man sieht es z. B. daran, wie Ihre Behörde das Projekt "Jedem Kind ein Instrument", das ja etwas wackelig begonnen hat, auf solide Beine gestellt hat. Über die Ziele sind wir uns einig, über die Umsetzung sind wir im Gespräch. Und ich hoffe, das bleiben wir auch.

Meine Damen und Herren, ich will mich nicht nur bei der Freien und Hansestadt Hamburg bedanken, sondern auch bei den vielen kompetenten und tatkräftigen Kolleginnen und Kollegen, die die Bundesbegegnung geplant und durchgeführt haben. Die meisten davon sind jetzt gar nicht hier, sondern haben zu tun. Aber einige sehe ich hier - Mitglieder des Bundesvorstands, der Bundesgeschäftsstelle, des Landesvorstands, des Landesmusikrats, Ensembleleiter, Kollegen von den Gastgeberschulen - stellvertretend für all die anderen, die jetzt nicht hier sind: Herzlichen Dank dafür, dass ihr geholfen habt, die Bundesbegegnung Hamburg 2009 zum Erfolg zu führen.

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