vds-magazin: Heft 19 (Nov 2008)
Primarschule und Musikpädagogik
Ende September 2008 haben in Hamburg die Regionalen Schulentwicklungskonferenzen ihre Arbeit aufgenommen - 22 stadtteilbezogene Gremien, in denen die beteiligten Schulen durch je eine VertreterIn der Schulleitung, der Lehrer-, der Eltern- und der Schülerschaft vertreten sind. Sie haben den Auftrag, Empfehlungen für die Gestaltung der zukünftigen Hamburger Schullandschaft zu formulieren. Bausteine sind die sechs- bis siebenjährige Primarschule (Klasse 0 bzw. 1 - 6), das sechsjährige Gymnasium (Klasse 7 - 12) und die siebenjährige Stadtteilschule (Klasse 7 - 13). Aus musikpädagogischer Sicht ist es ein vorrangiges Anliegen, die vielerorts weit entwickelten musikalischen Bildungsangebote für die Klassen 5 und 6 in die neue Struktur hinüberzuretten. Bereits kurz nach Bekanntwerden des CDU-GAL-Koalitionsvertrags hat der VDS-Landesverband Hamburg in einem Brief an die grüne Schulsenatorin Christa Goetsch auf Probleme und Chancen der Schulreform hingewiesen.
Vorläufige Stellungnahme zu einem Aspekt
der in Hamburg geplanten Schulreform
Die am 17. 4. 2008 im Koalitionsvertrag zwischen CDU Hamburg und GAL Hamburg vereinbarte Einführung der sechs- bzw. siebenjährigen Primarschule hat sehr schnell sowohl freundliche Zustimmung als auch heftigen Widerspruch von verschiedenen Seiten hervorgerufen. Nicht alle Stellungnahmen waren frei von Pauschalisierungen. Der Verband Deutscher Schulmusiker hält eine differenzierte Betrachtung der bisher bekannt gewordenen Planungen für hilfreicher. Die folgenden Ausführungen untersuchen daher die Chancen und Gefahren der geplanten Reform aus einer fachspezifischen Sicht - aus der Perspektive des Schulfachs Musik.
1. Ist-Zustand
Der gegenwärtige Zustand der Musikerziehung an Hamburgs allgemein bildenden Schulen ist gekennzeichnet durch eine große Diskrepanz zwischen einem schwachen Primar- und einem starken Sekundarbereich. Erfreuliche Ausnahmen dürfen nicht darüber hinweg täuschen, dass die überwiegende Mehrzahl der Grundschulen weit entfernt davon ist, ihren Schülerinnen und Schülern ein auch nur ausreichendes musikalisches Bildungsangebot machen zu können. Dies liegt in erster Linie daran, dass die erforderlichen Fachkräfte fehlen, die in der Lage wären, für eine angemessene Ausstattung der Schulen mit Fachräumen und Instrumenten zu sorgen, die fachfremd unterrichtenden Lehrkräfte anzuleiten und ein attraktives und differenziertes schulisches Musikleben zu pflegen.
Auf der anderen Seite haben viele weiterführende Schulen (vor allem Gesamtschulen und Gymnasien) Strukturen aufgebaut, die dieses Defizit zumindest teilweise ausgleichen. Dabei sind weniger die Schulen gemeint, deren Schülerinnen und Schüler auf Grund eines günstigen familiären Hintergrunds ohnehin außerschulische Bildungsangebote wahrnehmen. Kompensierend wirksam sind vor allem die Schulen, die auch Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern erfolgreich an musikalische Tätigkeiten wie Instrumentalspiel, Chorgesang oder Konzertbesuche heranführen. Überall wo dies gelingt, sind gut ausgebildete und hoch motivierte Musiklehrkräfte tätig, die in langjähriger Entwicklungsarbeit die notwendigen Rahmenbedingungen (Räume, Ausstattung, Strukturen, Kooperationen usw.) geschaffen und entsprechende schulische Bildungsangebote (erweiterter Musikunterricht, Musikklassen, Instrumentalunterricht, Ensemblearbeit usw.) aufgebaut haben.
2. Gefahren
Die Verschiebung des Wechsels zur weiterführenden Schule auf das Ende der Klasse 6 bringt eine ganze Reihe von Problemen mit sich, die jedoch für jedes Schulfach von unterschiedlichem Gewicht sind. So ist z. B. die von einigen Gruppierungen vorgebrachte Befürchtung, der längere gemeinsame Schulbesuch hindere die leistungsstärkeren Schülerinnen und Schüler am Lernen, aus musikpädagogischer Sicht gegenstandslos, denn Musikunterricht muss ohnehin - an allen Schulformen - von heterogenen Lerngruppen ausgehen und durch binnendifferenzierende Methoden für die Individualisierung des Lernens sorgen.
Bei Musiklehrkräften löst die geplante Reform aber aus einem anderen Grund große Befürchtungen aus. Die Verlagerung der Klassenstufen 5 und 6 in die neue Primarschule könnte nämlich dazu führen, dass die über viele Jahre gewachsenen Strukturen, mit denen die weiterführenden Schulen musikpädagogische Versäumnisse aus der Grundschulzeit kompensieren, zerschlagen werden, ohne dass die Primarschule die Leerstelle kurzfristig füllen könnte. Anders als in manchen anderen Schulfächern (z. B. Fremdsprachen) lässt sich dieses Problem nicht einfach durch Abordnung von Gymnasiallehrkräften in den Primarbereich lösen.
Zeitgemäßer Musikunterricht bedarf einer ausdifferenzierten Infrastruktur, die sich nicht von heute auf morgen aus dem Boden stampfen lässt, wie z. B. Räume, in denen musiziert werden kann, ohne dass andere Lerngruppen gestört werden, Instrumentensammlungen für Klassen- und Einzelunterricht, jahrgangsübergreifende und aufeinander abstimmte Ensembleangebote usw. All dies lässt sich nicht von einem zum anderen Schulstandort verschieben, sondern muss da, wo es gebraucht wird, neu aufgebaut werden.
Eine solche Entwicklungsarbeit aber dauert nicht nur Jahre, sondern verlangt auch Sachmittel und Arbeitszeit in nicht unbeträchtlichem Umfang. Und sie erfordert motivierte Lehrkräfte, die bereit sind, sich mit ihrer ganzen Person für das jeweilige Vorhaben zu engagieren. Sollte die Bildungsbehörde ihre bisherige Politik fortsetzen - kurz charakterisiert durch die Parolen "Anordnung heute, Vollzugsmeldung morgen" und "Bildung muss doch auch billiger zu haben sein" -, dann wäre nicht abzusehen, woher die notwendige Zeit und die notwendigen Ressourcen kommen sollten. Eine überstürzt eingeführte und unterfinanzierte Primarschule muss aber zwangsläufig zu einem über Jahre nicht wieder gut zu machenden Einbruch im musikalischen Bildungsangebot führen.
3. Chancen
Die Ablösung der vierjährigen Grundschule durch eine sechs- bis siebenjährige Primarschule weckt bei Musikpädagogen aber auch Hoffnungen: der jahrzehntealte Missstand der Unterversorgung Hamburger Grundschulkinder mit Musikunterricht könnte behoben, der Bruch zwischen Jahrgang 4 und Jahrgang 5 überwunden, ein kontinuierlicher Bildungsgang gewährleistet werden.
Die Reform könnte dazu führen, dass Musiklehrerinnen und -lehrer, die bislang nur in den Sekundarstufen unterrichtet haben, sich auch um Grundschüler kümmern und dass ihr Know-how, das bislang auf die weiterführenden Schulen beschränkt war, auch schon Zweit- und Drittklässlern zugute kommt. Die musikalische Bildung Hamburger Schüler läge bereits von der Vorschlussklasse an in der Hand ausgebildeter Fachkräfte, und unsere Stadt böte ihren Kindern etwas, wovon andere Bundesländer nur träumen.
Umgekehrt müssten die Bildungsprozesse, die an einigen vorbildlichen Grundschulen bereits jetzt angestoßen, in der Sekundarstufe aber bislang nicht aufgegriffen werden, in Zukunft nicht mehr ins Leere führen. Die relativ wenigen, aber umso eindrucksvolleren Beispiele kompetenten und erfolgreichen Grundschulmusikunterrrichts fänden ihre Fortsetzung über die 4. Klasse hinaus. Auch das Projekt "Jedem Kind ein Instrument" erhielte so eine neue Perspektive, die über eine vierjähriges "Appetitmachen" hinausreicht.
Unter zwei Voraussetzungen könnten diese Hoffnungen in Erfüllung gehen: 1. Zeit - 2. Geld. Den Schulen müsste genügend Zeit zur Entwicklung individueller Konzepte eingeräumt werden, es müssten - wie vor 40 Jahren bei der Einführung der Gesamtschule - unterschiedliche Modelle erprobt und evaluiert werden, um die für jeden Schulkreis oder jede "Bildungsregion" optimalen Lösungen zu finden. Und die Behörde müsste "Geld in die Hand nehmen" - nicht nur (wie angekündigt) für Fortbildungen zur Nachqualifizierung der Lehrkräfte für die neue Schulform, sondern auch für die notwendige Raum- und Sachausstattung der Primarschulen sowie für die Lehrerarbeitszeit, die - über die bloße Unterrichtszeit hinaus - für den Aufbau der neuen Strukturen benötigt wird.
Dann könnte Wirklichkeit werden, was der Koalitionsvertrag verspricht: "Hamburgs Kinder sollen musikalischer werden."
Verband Deutscher Schulmusiker - Landesverband Hamburg - 23. 5. 2008
JeKI - Jedem Kind ein Instrument?
Am 16. September 2008 fand in der Staatlichen Jugendmusikschule Hamburg eine vom Landesmusikrat veranstaltete Podiumsdiskussion statt, in der Schulsenatorin Christa Goetsch ihre Pläne für das Musikalisierungsprojekt "Jedem Kind ein Instrument" erläuterte. Angestoßen worden war "JeKi" bereits von der Vorgängerregierung - allerdings ohne dass für die nötige finanzielle Absicherung gesorgt worden wäre. Gespannt war man daher, ob die neue Behördenspitze mehr Sinn für die Realitäten, das Projekt mehr Aussicht auf Erfolg haben würde. Dies scheint der Fall zu sein - darauf deuteten zwei Mitteilungen der Senatorin hin: Der ursprüngliche Plan, JeKi sofort flächendeckend einzuführen, ist fallen gelassen, und für die erste JeKi-Etappe sind 7,5 Mio. € in den Haushalt eingestellt worden.
In vielen Städten grassiert das Jeki-Fieber. So auch in Hamburg. Nach der vollmundigen Ankündigung im Hamburger Wahlkampf - 3 Senatoren versprechen unrealistische und pädagogisch unsinnige Maßnahmen flächendeckend, umfassend, in kürzester Zeit und auf jeden Fall – ist nun Realismus eingekehrt. Geplant ist ein Beginn mit 60 Schulen, im 1. Schuljahr soll Grundmusikalisierung durch die Klassen- bzw. MusiklehrerInnen vermittelt werden, im 2. Schuljahr wird diese fortgesetzt und mit dem Einsatz verschiedener Intrumente verbunden, im 3. Schuljahr soll der Instrumentalunterricht beginnen. Die Hamburger Fachverbände begleiten diesen Prozess kritisch. Der Landesvorsitzende Hans Jünger hat einige Bedingungen formuliert, die aus Sicht von VDS und AfS für das Gelingen des Projektes JeKi entscheidend sind:
1. Die Teilnahme an JeKi muss freiwillig sein.
D. h. das Erlernen eines Instruments darf nicht verpflichtend für die Kinder sein, sondern muss Angebotscharakter haben, denn es gibt neben dem Instrumentalspiel viele andere musikalische Tätigkeiten, die das Leben bereichern. (Es muss z. B. erlaubt sein, sich statt auf Instrumentalspiel auf Singen oder Tanzen oder Musikhören zu spezialisieren.)
2. Das JeKi-Angebot muss differenziert sein.
D. h. die Kinder dürfen nicht alle über einen Kamm geschoren werden, sondern müssen individuell gefördert werden. Sie sollen ihrInstrument wählen dürfen und auf ihrem jeweiligen Leistungsniveau unterrichtet werden (so dass weder jemand abgehängt noch Leistungsspitzen ausgebremst werden).
3. JeKi muss nachhaltig sein.
D. h. nach Klasse 3/4 muss es weitergehen. Es muss also für Anschlussangebote gesorgt werden. Zumindest müssen die derzeit vorhandenen Bildungsangebote erhalten und in die Primarschule übertragen werden. (Es darf nicht sein, dass man Kindern erst Appetit macht und sie dann hungern lässt.)
4. JeKi muss flächendeckend sein.
Die Einrichtung von ca. 65 Pilotschulen ist vernünftig in einer Ausgangssituation, in der die Mehrzahl der Grundschulkinder noch nicht einmal regelmäßigen Musikunterricht ohne Instrument hat. Sie kann aber nur der erste Schritt sein. Ziel muss bleiben, dass tatsächlich Kind Instrumentalunterricht angeboten bekommt - unabhängig vom Stadtteil, in dem es wohnt, und vom Elternhaus, in dem es aufwächst.
5. JeKi muss ein ergänzendes Angebot sein.
D. h. es darf Musikunterricht nicht ersetzen. Musikunterricht und Instrumentalunterricht haben ihre je eigenen Aufgaben zu erfüllen: Der eine soll mit der ganzen Vielfalt musikalischer Möglichkeiten bekannt machen; der andere soll die Fähigkeiten vermitteln, die man für eine ganz spezielle musikalische Tätigkeit benötigt.
6. JeKi-Unterricht muss von qualifizierten Lehrkräften erteilt werden.
D. h. Musikunterricht muss in der Verantwortung von ausgebildeten SchulmusikerInnen stehen (wobei man sich nach dem Klassenlehrerprinzip Supervisormodelle vorstellen kann), Instrumentalunterricht muss von ausgebildeten Instrumentallehrkräften erteilt werden (wobei es sicher in Zukunft immer mehr doppelt qualifizierte Lehrkräfte geben wird).
VDS und AfS sind erfreut über die Initiative. Es ist einiges im Aufruhr, gerade auch, weil gleichzeitig mit dem Start von JeKi die Umstellung von Grund- und Sekundarschule auf die 6-jährige Primarschule vorbereitet wird. Von dieser Umstellung sind die Musikangebote vieler Schulen massiv betroffen, die gerade in den Klassenstufen 5 und 6 angeboten werden und in Zukunft so nicht mehr gemacht werden können. Wie die Übergabe der Erfahrungen aus dieser Arbeit an die Primarschulen, wie diese Angebote von den zukünftigen Primarschulen geleistet werden können, ist eine offene Frage, die für viele MusikkollegInnen erst einmal bedrohlich ist.
von Udo Petersen
Hamburger Schulen musizieren 2008
Die Reihe Hamburger Schulen musizieren 2008 wurde durch das große Engagement, die Kreativität sowie durch die liebevolle Arbeit der Musiklehrerinnen und -lehrer möglich. In den rund 70 Schul- und Begegnungskonzerten, mit über 200 Ensembles und ungezählten teilnehmenden Schülerinnen und Schülern, konnte wieder ein exemplarischer Ausschnitt des schulmusikalischen Lebens unserer Stadt aufgezeigt werden. Das Spektrum reichte von Stabpuppenspielen „Der Findefuchs" (Schule an der Seebek), über Musiktheateraufführungen (z.B. Tabaluga&Lilli), Chor-, Orchester- und Bandbegegnungen (z.B., „Bandfestival", „Chor-Orchesterbegegnung", „Julius-Leber-Schule feiert") bis hin zur Uraufführung der Kinderoper „Henrietta und die Feurfee" im Hansa-Gymnasium. Die Reihe lässt auch Raum für besondere Blüten: Die Feier „Brahms in Bergedorf", anlässlich des 175.Geburtstages von Johannes Brahms, am Bergedorfer Schloss. Besonders lebendig und bunt ist es natürlich, wenn unterschiedliche Schulformen (Grundschule, Gesamtschule, Gymnasium) aufeinandertreffen, wie z.B. bei den Eppendorfer Begegnungskonzerten „Ein Haus voller Kinderchöre" und „ Super! - Wir singen". Den Grundstein von Hamburger Schulen musizieren bilden die immer wieder mit viel Engagement vorbereiteten Schulkonzerte, in denen die Vielfalt des schulmusikalischen Lebens zum Ausdruck kommt: „Jazz am Grootmoor", „Frühlingslieder", „Sommerkonzert des Musikzweigs am FEG", „KAIFU-Klänge", „Freiheit! Das wird schon", „Volksdorfer Sommersingen", „Orana – Willkommen", „Grundschul- Sommersingen" etc. . Den größten Anteil an der Reihe Hamburger Schulen musizieren haben auch in diesem Jahr die Hamburger Gymnasien gebildet. Einen immer größeren Anteil nehmen die Grundschulen ein, während die Gesamtschulen bisher nur vereinzelt aktiv geworden sind. Besonders erfreulich ist, dass erstmalig die Förderschulen eine große Veranstaltung „Begegnungskonzert Hamburger Förderschulen" erfolgreich in diesem Rahmen durchgeführt haben.
Hamburger Schulen musizieren 2008 zeigt wie groß das Engagement der Musiklehreinnen und Musiklehrer vor Ort ist. Es wird deutlich, dass diese Arbeit - weit über die „faktorisierte Unterrichtszeit" hinaus - nur durch zusätzlichen Einsatz, durch das Engagement für die Sache möglich wird. Wir hoffen, dass die Teilnahme an Schulen musizieren Rückenwind für die alltägliche Arbeit gibt und eine Argumentationsgrundlage für angemessene Ensemblearbeitszeiten ist.
Unter dem Motto „Hamburg – Ohr zur Welt" steht die Bundesbegegnung SCHULEN MUSIZIEREN, die im Juni 2009 erstmalig in einer Großstadt stattfinden wird. Ein Hamburger Projektteam unter Federführung von Georg Kindt, Cornelia Lüttgau und Johannes Rasch geht nun in die Detailplanung (Weitere Projektteam-Mitglieder sind: Hans Jünger, Theo Huß, Patricia Gläfcke, Wolfhagen Sobirey).
Es haben sich bereits Kolleginnen und Kollegen gefunden, die u. A. für die Unterbringung der Gastensembles in Gastfamilien sorgen wollen. Die Ensembles kommen aus allen Bundesländern sowie aus dem europäischen Gastland Lettland. Weitere Interessenten können sich gerne bei Johannes Rasch melden. Ein Schulkonzert des Ensembles und die vielen neuen und anregenden Kontakte sind der Lohn für diese Arbeit.
von Johannes Rasch


